Warum in der Weihnachtsgeschichte keine Frommen vorkommen
Filmausschnitt aus Son of God: Jesus im Gespräch mit dem Pharisäern (Bild: miro.medium.com)
Wenn Gott Mensch wird, dann müssten sich doch zuerst
alle Gläubigen auf den Weg zu ihm machen. Fehlanzeige! In der
Weihnachtsgeschichte kommen die Frommen nur am Rande vor.
Gelehrte hört sich erst einmal gut an. Das sind
Menschen, die zugehört und verstanden haben, Leute mit Durchblick. Und die hat
man zu allen Zeiten gebraucht. Über die «Schriftgelehrten» sprechen Jesus
selbst und die Autoren des übrigen Neuen Testaments allerdings eher negativ.
Sie bezeichnen sie als Pharisäer, was damals eine geachtete jüdische
Glaubensrichtung war und heute als Synonym für Heuchelei steht. Tatsächlich
kommen diese damaligen Frommen in der Weihnachtsgeschichte nur ganz am Rande
vor.
Was ist passiert?
In der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus
ist die Rede davon, dass irgendwann nach der Geburt von Jesus Sterndeuter beim
damaligen König Herodes auftauchen und ihn fragen: «Wo ist der neugeborene
König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind
gekommen, um ihn anzubeten!» (Vers 2) Herodes hat keinerlei Interesse an einem
Konkurrenten für seinen Thron, weiss aber, von wem er Informationen bekommen
kann. «Er rief alle obersten Priester und Schriftgelehrten des Volkes zusammen
und erfragte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.» (Vers 4)
Tatsächlich
können die einbestellten Gelehrten seine Frage direkt beantworten: «In
Bethlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben durch den Propheten: 'Und du,
Bethlehem im Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten
Judas; denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk Israel weiden
soll'.» (Vers 5-6)
Wer sind die Schriftgelehrten?
Praktisch jedes jüdische Kind zur Zeit von Jesus kann
lesen und schreiben – damals eine Sensation. Mit sechs Jahren gehen sie in die
Synagoge zur Schule und lernen es, parallel lernen sie die Tora auswendig:
Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Damit sind sie aber keine
Schriftgelehrten. Mit zehn besuchen sie die nächste Stufe und lernen den Rest
der hebräischen Bibel auswendig. Auch damit sind sie noch keine
Schriftgelehrten. Ab 14 suchen dann einige wenige einen Rabbi, dem sie folgen.
Das dürfen nur die Besten und es gibt scharfe Aufnahmeprüfungen. Danach leben
etliche von ihnen als Schriftgelehrte, befassen sich also mehr oder weniger
hauptberuflich mit dem Auslegen und Weitergeben der Heiligen Schrift. Einige
gehören zur Oberschicht, liberale Juden, die auch die Hohepriesterfamilie
stellen. Die meisten sind Pharisäer. In den Evangelien werden Schriftgelehrte
und Pharisäer oft zusammen oder quasi auswechselbar genannt (siehe Matthäus, Kapitel 15, Vers 1).
Schriftgelehrte nehmen die Bibel besonders ernst. Sie
engagieren sich sozial. Sie haben ein besonderes Heiligkeitsverständnis – die
Trennung von der «Welt» ist ihnen wichtig. Leicht vereinfachend könnte man
sagen: Die Pharisäer von damals waren die Evangelikalen von heute – «intensiv
jüdische Menschen» hätte Angela Merkel sie wohl früher genannt.
Was ist seltsam an ihrem Verhalten?
Die Schriftgelehrten kennen die Bibel – und sie kennen
sie gut. Im Gegensatz zu vielen Christen heute könnten sie das Buch Micha
spontan aufschlagen, sie brauchen es aber nicht, denn sie kennen es auswendig.
«Und du, Bethlehem-Ephrata, du bist zwar gering unter den Hauptorten von Juda;
aber aus dir soll mir hervorkommen, der Herrscher über Israel werden soll…» (Micha, Kapitel 5, Vers 1) All das
haben sie sofort im Blick. Sie kennen die Prophezeiungen auf den Messias. Sie
wissen, dass er ein Nachfahre Davids sein wird und in Bethlehem zur Welt kommt.
Sie wissen, dass er den Frieden und die Freiheit im Land wiederherstellen wird.
Mit diesen Informationen versorgen sie Herodes – und
dann gehen sie nach Hause. Wo ist ihre Neugier? Wo ist ihre Erwartungshaltung (also
das, was man auch Glauben nennen kann)? Wo ist ihr Einsatz? Gerade sind ein
paar Sterndeuter wochen- oder monatelang angereist und unseren Schriftgelehrten
ist der Weg nach Bethlehem zu weit – das sind immerhin acht Kilometer. Da läuft
man fast zwei Stunden. Und das alles nur für den Messias? Den König der Welt? Wir
kennen die Gründe nicht, warum sich nur die Sterndeuter auf den Weg machen und
nicht die Schriftgelehrten, aber es scheint in das Bild zu passen, das Jesus
später von ihnen zeichnet.
Was kritisiert Jesus an den Schriftgelehrten?
Immer wieder gerät Jesus später mit den Pharisäern aneinander.
Einmal wird er sehr ausführlich und warnt sie direkt – und gleichzeitig warnt
er die Menschen vor ihnen. Das hört sich dann in Matthäus 23 so an: «Wehe euch,
ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr das Reich der Himmel
vor den Menschen zuschliesst! Ihr selbst geht nicht hinein, und die
hineinwollen, die lasst ihr nicht hinein.» (Vers 13)
Das sagt derselbe Jesus, der den Zöllner und Sünder Zachäus anlächelt und ihm
sagt: «Zachäus, steige schnell herab; denn heute muss ich in deinem Haus
einkehren!» (Lukas, Kapitel 19, Vers 5)
Letztlich sagt Jesus den Schriftgelehrten: Ihr wollt das Reich Gottes gar
nicht. Kein Wunder, dass sie sich nicht auf den Weg machen.
Wie ist das mit den evangelikalen Pharisäern?
Die «gefühlte Wirklichkeit» beim Lesen der Evangelien
sieht heute oft so aus: Jesus, der Sohn Gottes, war mit den Jüngern – so einer
Art Christen und irgendwie wie wir – unterwegs. Leider haben sich ihnen immer
wieder die bösen Pharisäer, nämlich gesetzliche Juden, in den Weg gestellt. Das
sagt natürlich niemand, denn es klingt antisemitisch und albern. Aber fühlt es
sich beim Bibellesen nicht manchmal genauso an? Wenn es stimmt, dass die
Pharisäer die ernsthaften Gläubigen der damaligen Zeit waren, so wie es heute
die Evangelikalen sind, dann ist es schon sehr spannend, dass okkult geprägte
Astrologen genauso wie die Hirten als Bodensatz der damaligen Gesellschaft breiten
Raum in den Weihnachtserzählungen der Bibel einnehmen, die besonders Frommen
aber nur am Rand vorkommen. Warum ist das so?
Weihnachten ist die Umwertung der Werte
Bis heute betonen Christen, dass Gott Mensch geworden
ist, um Sünder zu retten. Und sie meinen damit oft diejenigen, die alles wissen,
sich bereits in Gemeinden treffen und versuchen, möglichst heilig zu leben. (Nur
mal zum Nachdenken: Genau solche Menschen waren damals nicht im Stall!)
Der Blick in den Spiegel tut gut
An diesem Punkt ist es gut zu realisieren, dass WIR
hier die Schriftgelehrten sind – und ich vorneweg: Lade ich anderen Lasten auf,
die ich selbst nicht bereit bin zu tragen? Was ist mir wichtiger? Fromm sein
oder für andere fromm erscheinen? Bibeltreue oder ein echtes Fragen, wie ich
Gottes Liebe heute leben kann? – All diese Punkte und noch wesentlich mehr
spricht Jesus in Matthäus, Kapitel 23 an.
Kann man auch anders schriftgelehrt sein?
Wer nicht Theologie studiert hat, könnte sich jetzt
entspannt zurücklehnen. «Ich bin nicht gemeint!» Tatsächlich gilt die Botschaft
der Schriftgelehrten für alle, die (Angela Merkel) «intensiv evangelisch» leben
wollen. Glücklicherweise gibt es in der Bibel einen Schriftgelehrten, der
rundum positiv beschrieben wird – und von dem auch noch erzählt wird, was
seinen Glauben ausmacht: Esra.
Es täuscht ein bisschen, dass das Buch im Alten
Testament, das nach ihm benannt ist, so weit vorne steht. Zeitlich gehört es
ganz nach hinten. Esras Selbstverständnis wäre eine coole Herausforderung für
die Pharisäer gewesen – und sie ist es für uns heute: «Denn Esra hatte sein
Herz darauf gerichtet, das Gesetz des Herrn zu erforschen und zu tun, und in
Israel Gesetz und Recht zu lehren.» (Esra, Kapitel 7, Vers 10)
1. Esra liest in der Bibel. Er studiert sie. Er
erforscht sie. Er will wissen, was darin steht.
2. Dabei bleibt es aber nicht. Esra probiert, das
Gelernte umzusetzen. Das hat sicher mal besser und mal schlechter funktioniert,
aber es bleibt sein erklärtes Ziel.
3. Esra gibt das Gelernte weiter. Es geht ihm
nicht darum, Wissen für sich selbst zu sammeln, sondern das weiterzusagen, was
er von Gott verstanden hat.
Esra und Weihnachten
Die Weihnachtsgeschichte zeigt, dass es Pharisäer/Evangelikale
im schlechteren Sinne gibt. Menschen, die in erster Linie wissen, was andere
falsch machen. Aber stellen Sie sich die Weihnachtsgeschichte einmal mit echten
Schriftgelehrten vor – also solchen, die diesen Titel verdienen. Die hätten dasselbe
gewusst, was ihre Kollegen dem König Herodes erzählt haben. Aber sie wären
geplatzt vor Neugier und Erwartungen und wären wahrscheinlich noch vor den
Sterndeutern in Bethlehem gewesen. Sie hätten Jesus gefunden und angebetet. Sie
hätten gewusst, dass Gottes Reich tatsächlich anbricht. Und sie hätten dieses
Wissen mit jedem geteilt. Dann hätten unsere Weihnachtskrippen noch ein paar
Figuren mehr: die Schriftgelehrten. Mir gefällt dieser Gedanke.
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