Was ist die Kirche, was ist ihr Auftrag? Ist sie eine Sammlung der Glaubenden zur Anbetung Gottes oder geht es um ihre Sendung in die Welt? Gedanken dazu von Christian Haslebacher, dem Vorsitzenden der Chrischona Schweiz.
Christian Haslebacher
«Kirche ist nur dann
Kirche, wenn sie für andere da ist.» Diese bekannte Aussage von Dietrich
Bonhoeffer bedeutet mindestens zwei Dinge:
1. Kirche ist Teil der
Gesellschaft und hat einen Auftrag an der Gesellschaft. Sie ist FÜR andere da.
2. Kirche unterscheidet sich von der Gesellschaft. Sie ist für ANDERE da.
Aufeinanderbezogene Polaritäten
In der Geschichte der Kirche
wurde immer wieder einer dieser zwei Aspekte auf Kosten des anderen überbetont.
Es handelt sich dabei aber eigentlich um Polaritäten, die aufeinander bezogen
sind. Wir
brauchen immer beide Seiten dieser Polaritäten, denn darin liegt wie bei einer
Batterie mit ihren zwei Polen die Energie. Mit nur einem Pol wird man
wirkungslos, sowohl als Batterie als auch als Kirche.
Weitere Aussagen, die diese
Polaritäten beschreiben, lauten:
1. Kirche lebt in der
Gemeinschaft und Begegnung von Menschen.
2. Kirche lebt in der Anbetung
Gottes und der Begegnung mit ihm.
1. Kirche bedarf der ständigen
Erneuerung.
2. Kirche steht auf dem Fundament der Bibel und von Christus. (Epheser Kapitel 2, Vers 20)
1. Kirche ist Teil der
Gesellschaft und muss sich auf ihr kulturelles Umfeld einlassen.
2. Kirche soll mit ihren Werten und Überzeugungen die Gesellschaft prägen.
1. Kirche dient
sozial-diakonisch.
2. Kirche verkündigt ihre Botschaft, das Evangelium.
1. Kirche geht auf die
gegenwärtigen Probleme ein.
2. Kirche öffnet einen Horizont, der über dieses Leben hinausgeht.
1. Kirche ist mit ihrem Handeln
am Puls der Zeit.
2. Kirche ist mit ihrem Ohr am Herzschlag Gottes.
1. Kirche setzt sich mit
aktuellen Fragestellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander.
2. Kirche orientiert sich an der Bibel und ihren ethischen Aussagen.
1. Kirche wird vom Geist Gottes
geprägt, dem Geist der Liebe.
2. Kirche wird vom Geist Gottes geprägt, dem Geist der Wahrheit.
1. Kirche vertritt die
Botschaft, dass wir geliebt und angenommen sind, wie wir sind.
2. Kirche vertritt die Botschaft, dass wir in die uns zugedachte Würde
hineinwachsen sollen.
1. Kirche muss Glaubensaussagen
immer wieder neu formulieren.
2. Kirche muss akzeptieren, dass Glaubensaussagen in der Gesellschaft nicht
immer mehrheitsfähig sind.
1. Kirche ist «Salz der
Erde». Salz wirkt aus der Nähe. Kirche wendet sich der Welt selbstlos zu.
(Matthäus Kapitel 5, Vers 13)
2. Kirche ist «Licht der Welt». Licht wirkt aus einer gewissen
Distanz und zeigt die Dinge, wie sie sind. Kirche bekennt sich zum Weg, zur
Wahrheit und zum Leben, wie sie dies erkannt hat. (Matthäus Kapitel 5, Verse 14-16; Johannes Kapitel 14, Vers 6)
Es braucht beide Seiten
Wie gesagt: Wir brauchen immer
beide Seiten dieser Polaritäten. Die ersten
Aussagen kommen ohne die zweiten ebenso schief, wie die zweiten Aussagen ohne
die ersten. Die Energie liegt immer in beiden, nie nur in einer Aussage.
Soweit ich die gegenwärtigen
Entwicklungen wahrnehme, sind heute vor allem die ersten Aussagen im Trend. Dass beispielsweise
ungeborenes, altes und krankes Leben, Sexualität
sowie die Ehe und Familie eine schützenswerte Würde
besitzen, scheint altbacken zu sein. Vergisst
die Kirche jedoch die zweiten Aussagen, wird es ihr auf Dauer auch nicht
möglich sein, die ersten zu leben. Eine Kirche, die ihre Botschaft, Überzeugungen und
Werte zu stark der Gesellschaft anpasst, verliert ihr Profil, ihre Fähigkeit zu
prägen, ihr Unterscheidungsmerkmal und schlussendlich ihre Relevanz und
Bedeutung für die Gesellschaft. Sucht die Kirche ihre Gesellschaftsrelevanz am
falschen Ort, verliert sie ihre Bedeutung leider ganz.
Auf den Einwand, dass sich vor allem freikirchliche Gemeinden zu lange
auf die zweiten Aussagen konzentriert hätten, antworte ich: Ob man links oder
rechts vom Pferd fällt, spielt im Endeffekt keine grosse Rolle. Das Ziel ist,
auf dem Pferd zu sitzen. Wer sich bei den zweiten Aussagen zuhause fühlt, wird sich
auf die ersten konzentrieren müssen. Wer vor allem die ersten Aussagen schätzt,
wird die zweiten speziell beachten müssen. Reiten kann man nur auf dem Pferd
und Energie gibt es nur mit beiden Polen der Batterie.
Die Kirche muss sich
gleichzeitig von der Gesellschaft unterscheiden und sich auf sie einlassen. Nur
so hat Kirche Bedeutung.
Zur Person: Christian Haslebacher, Vorsitzender Chrischona Schweiz, verheiratet, drei Kinder, lebt im Thurgau