Frau blickt nach oben (Bild: Unsplash / Max Felner)
Dieser Ausspruch der Frau Hagar prägt nun ein ganzes Jahr. Sie
steht für all die nicht wertgeschätzten Frauen in Gesellschaft und Religion bis
heute. Aber auch die Männer und Frauen, die an der grossen Sinnlosigkeit
leiden, finden hier Hoffnung.
Es scheint, die letzten
Jahre – einschliesslich der Corona-Isolationen – haben Verwirrung und
Sinnlosigkeit für viele verstärkt. Klar, wir dürfen wieder Partys und
Gottesdienste feiern und uns «sehen». Aber was macht das alles für einen Sinn?
Der Krieg macht zusätzlich Angst; wer versteht das alles noch, was da abgeht?
Fortuna caeca est
«Das Schicksal ist
blind» glaubten die alten Römer. Wenn wir sehen, wie Gut und Böse, Glück und
Unglück verteilt sind, kann man nur zu solch einem Schluss kommen. Warum der
und nicht die? Warum die und nicht ich? Oder warum ausgerechnet ich? Klar, wir reden uns ein,
«irgend einen Sinn wird das schon alles haben». Aber klingt das nicht oft
ziemlich hohl?
Hagar, die Dienerin des
angesehenen Abraham und seiner Frau Sara, wird ausgestossen; hochschwanger ist
sie auf der Flucht. Ein Eifersuchts- und Machtopfer. Eine von Unzähligen. Ausgerechnet
sie wird von einem Engel «gefunden», angesprochen und bekommt Weisung für ihr
Kind und ihre Zukunft. Da reagiert sie: «Du bist ein Gott, der mich sieht.» Das
blinde Schicksal wird in einem Moment zum «mich sehenden Gott». Hagar kehrt zurück, gebiert
Ismael und wird zur Stammmutter der Araber (nachzulesen im 16. Kapitel des
Buches Genesis).
Danach lechzen, gesehen zu werden
In Hagar können sich
viele Menschen wiederfinden: Geflüchtete, die sich fremd und unbeachtet fühlen;
Frauen, die sich übersehen und gedemütigt fühlen; Männer und Frauen, die keine
Hoffnung auf eine Zukunft haben. Aber auch die unzähligen Jugendlichen, gerade
in sozialen Netzwerken, die danach lechzen, gesehen zu werden.
Für alle diese ist
unsere Losung ein wichtiges Wort: Ich bin nicht blindem Schicksal und der
Bedeutungslosigkeit ausgeliefert. Da gibt es jemanden, der mich sieht.
Nicht bloss mal schnell geguckt
«Er ist nicht bloss ein
Gott, der einmal geguckt hat, sondern er ist ein Gott des Sehens, des
Mich-Sehens», bemerkt ein Kommentator. «Hier wird eigentlich ein punktueller
Vorgang zu einem Charaktermerkmal Gottes, könnte man fast sagen. Es ist ein Gott,
der sein Augenmerk grundsätzlich auf mich richtet.» Du bist eben kein Nichts
und keine Luft. Gott nimmt wahr, dass es dich gibt. Mit allem, was dich
ausmacht. Er schaut und durchschaut dich: er sieht nicht nur dein Äusseres,
nicht einmal nur deine Taten, sondern kennt deine tiefsten Motive und
Beweggründe. Das kann sehr befreiend sein. Er hat den Durch-Blick.
Bis zum äussersten Meer
Die ganz andere Frage:
Lasse ich mich sehen? Will ich überhaupt einen solchen Gott, der mich
durchblickt? David kannte den Fluchtinstinkt, sich vor diesem Gott lieber zu
verstecken – sah aber auch die Sinnlosigkeit eines solchen Vorhabens: «Ich
könnte Flügel der Morgenröte nehmen – du siehst mich. Bettete ich mich am
äussersten Meer – deine Augen sind doch über mir», sagt er sinngemäss in Psalm 139.
Die Frage ist
existentiell: Will ich einen Vater im
Himmel, der mich ansieht und sich Gedanken macht über mich? Viele Menschen
wären mit dem blinden Schicksal glücklicher – oder zumindest mit einem
Grossvater, der nicht mehr so gut sieht.
Darum beten wir ab und
zu ein Stossgebet, aber bloss nicht zu lang. Es könnte ja konkret werden. Er
könnte ja hören. Es könnte ja ein Kontakt entstehen. Und dann würde ich einem
persönlichen Gott, nicht nur einem höheren Wesen, gegenüberstehen.
Ein Gott zum Duzen
Ein bemerkenswertes
Detail unseres Gebetes: «Du» bist ein Gott, der mich sieht. Nicht die dritte,
sondern die zweite Person. Nicht «da ist irgendeine Macht, die schlussendlich
alles kontrolliert», sondern Du. Als sie realisiert, dass sie gefunden ist,
sagt Hagar «Du». Das Du ist schon eine Beziehung. Ich bin ihm zugewandt. Ich
rede mit diesem Gott. Wenn man mit jemandem redet, schaut man ihn zumindest an,
wenn nicht direkt in die Augen. Du siehst mich – und ich sehe Dich.
Nicht nur frommer Trost?
Sieht Gott mich
wirklich? Ist das nicht nur frommer Trost? «Sind all die vielen Versprechen,
die er uns gibt, belastungsfähig und tragfähig in den dunkelsten Momenten und dunkelsten
Ecken meines Seins?», fragt eine Leserin im Magazin «Aufatmen».
Unser Gebet bleibt eine
Aussage des Glaubens, gestützt auf Erfahrung und Beziehung: Gott sieht. Er
erklärt längst nicht immer, aber er sieht. Er weiss. Er ist nicht blindes
Schicksal – Er hat Augen. Hinter seinen Augen steckt Intelligenz. Er weiss, was
er tut. Und vor allem Liebe.
Das zu bekennen, ist
lange nicht immer leicht. Aber: wir halten 2023 an einem Gott fest, der sich
Gedanken macht – gute Gedanken. Daher kommt es, dass unser Leben überhaupt
einen Sinn hat.